Kaffeewissen
Q-Grader und das SCA-System: was eine 80-Punkte-Note über deinen Kaffee sagt

Q-Grader und das SCA-System: was eine 80-Punkte-Note über deinen Kaffee sagt
Auf der Packung steht 86 Punkte. Auf einer anderen 88. Und auf einer dritten gar nichts, nur das Wort Specialty. Was heisst das überhaupt? Wer vergibt diese Punkte? Und kann man dem trauen?
Hinter diesen Zahlen steht ein System, das die Specialty Coffee Association seit Jahrzehnten pflegt. Im Zentrum: der Q-Grader. Eine Person, die geprüft hat, dass sie Kaffee gleich schmeckt wie tausende andere zertifizierte Kollegen weltweit. Das ist keine Marketing-Idee. Das ist Qualitätskontrolle, die zwischen Bauer in Äthiopien und Tasse in Zürich funktionieren muss.
Was ein Q-Grader eigentlich ist
Ein Q-Grader ist ein Mensch mit einer SCA-Lizenz, die bestätigt, dass er Kaffee nach einem festen Protokoll bewerten kann. Um die Lizenz zu bekommen, muss man eine Woche lang Prüfungen bestehen. Insgesamt zweiundzwanzig Tests in sechs Tagen. Geschmackserkennung, Geruchsidentifikation, organische Säuren unterscheiden, Defekte in grünen Bohnen erkennen, Kalibrierung mit anderen Q-Gradern. Wer durchfällt, kann nach drei Jahren noch einmal antreten.
Das Ziel ist nicht, einen besonders feinen Gaumen zu zeigen. Das Ziel ist Wiederholbarkeit. Zwei Q-Grader, die denselben Kaffee blind bewerten, sollen auf eine ähnliche Punktzahl kommen. Sonst wäre die Bewertung wertlos.
Die 80-Punkte-Schwelle
Hier kommt die magische Zahl. Damit ein Kaffee Specialty heisst, muss er mindestens 80 von 100 Punkten erreichen. Unter 80 Punkten ist Commodity Coffee, also Massenware. Über 80 wird es interessant.
Die SCA teilt die Specialty-Klasse in vier Stufen. Achtzig bis fast fünfundachtzig Punkte gelten als Very Good. Fünfundachtzig bis neunzig als Excellent. Neunzig oder mehr als Outstanding. Das ist die Spitze, da sind nur sehr wenige Kaffees pro Jahr dabei. Die meisten guten Specialty Coffees, die du in einer Schweizer Rösterei findest, liegen zwischen 84 und 88 Punkten.
Die alte Cupping-Form: zehn Attribute, eine Zahl
Bis 2024 war die Bewertung klar geregelt. Auf einem Cupping-Tisch standen meistens fünf Tassen pro Kaffee. Der Q-Grader bewertete jeden Kaffee nach zehn Attributen.
Sieben davon wurden mit Punkten benotet, jedes auf einer Skala von sechs bis zehn, in Schritten von 0,25. Die sieben sind: Duft und Aroma, Geschmack, Nachgeschmack, Säure, Körper, Balance und Overall. Drei weitere wurden nicht benotet, sondern abgehakt: Uniformität, saubere Tasse und Süsse. Defekte gaben Punktabzug.
Aus diesen Bewertungen ergab sich eine Gesamtnote zwischen null und hundert. Die Schwelle: achtzig.
Was 2025 neu ist: Coffee Value Assessment
Die SCA hat das System überarbeitet. Seit 2025 gilt offiziell das Coffee Value Assessment, kurz CVA. Es ersetzt die alte Cupping-Form aus dem Jahr 2004. Drei neue Standards regeln das: Sample Preparation und Cupping Mechanics, Descriptive Assessment und Affective Assessment.
Der Hauptunterschied: Beschreibung und Wertung sind jetzt getrennt. Vorher hat eine Punktzahl beides ausgedrückt, wie der Kaffee schmeckt und ob das gut ist. Das CVA trennt das. Zuerst wird beschrieben, was im Kaffee drin ist. Danach wird bewertet, ob das gefällt. Eine fruchtige Säure ist objektiv da. Ob das jemand mag, hängt vom Markt, von der Kultur, vom Geschmack ab.
Auch das Q-Grader-Programm wurde 2025 neu aufgebaut. Es basiert jetzt auf dem CVA und ist besser auf den heutigen Specialty-Markt zugeschnitten. Die alten 80-Punkte-Werte gibt es weiterhin als Referenz, aber das System ist breiter geworden.
Was das für deine Tasse heisst
Wenn auf einer Packung 86 Punkte stehen, weisst du jetzt: das ist im Bereich Excellent. Eine SCA-zertifizierte Person hat den Kaffee blind bewertet, nach einem Protokoll, an dem sich Q-Grader weltweit ausrichten. Es ist kein Selbstlob der Rösterei. Die Punkte werden meistens beim Importeur oder bei der Rösterei selbst vergeben, aber nach demselben System wie überall.
Das heisst nicht, dass du jeden 88-Punkte-Kaffee mehr lieben wirst als einen 84-Punkte-Kaffee. Bewertung und Vorliebe sind nicht dasselbe. Genau das macht das neue CVA-System klar. Aber die Punktzahl gibt dir eine Orientierung. Sie sagt: jemand mit Ausbildung hat überprüft, dass dieser Kaffee technisch in Ordnung ist, dass er auf einem hohen Niveau gerostet wurde und dass er charakteristische Aromen hat, die der Bohne, der Aufbereitung und der Höhe entsprechen.
Worauf du selbst achten kannst
Du musst kein Q-Grader sein, um besseren Kaffee zu trinken. Aber drei Dinge der Bewertung kannst du leicht selbst nachvollziehen. Säure: spürst du eine klare, frische Note, ähnlich Apfel oder Beeren? Körper: fühlt sich der Kaffee leicht und wässrig oder dick und sirupartig an? Balance: passen die Aromen zusammen, oder fällt etwas heraus, ein zu starker Bitterstoff oder eine zu scharfe Säure?
Wenn du das ein paar Mal bewusst machst, hast du schon den halben Cupping-Tisch im Kopf.
Specialty bei Röstpost
Auf Röstpost findest du Specialty Coffees aus über zweihundert Schweizer Röstereien. Bei vielen ist die SCA-Punktzahl auf der Produktseite angegeben, sofern die Rösterei sie kennt. Das hilft dir beim Einordnen, ist aber nicht alles. Such dir am besten ein paar Bohnen mit unterschiedlichen Profilen, vergleiche, mach Notizen. Nach drei oder vier Kaffees bekommst du selber ein Gefühl dafür, wo deine Lieblings-Bandbreite liegt. Das ist mehr wert als jede Punktzahl auf einer Packung.



