Kaffeewissen
Kaffee-Varietäten erklärt: Typica, Bourbon, Geisha und mehr

Kaffee-Varietäten erklärt: Typica, Bourbon, Geisha und mehr
Wenn du dich mit Specialty Coffee beschäftigst, begegnest du irgendwann Worten wie Typica, Bourbon, Caturra oder Geisha. Das sind keine Herkunftsländer und auch keine Aufbereitungsmethoden. Das sind Varietäten. Und sie erklären oft viel mehr über den Geschmack im Cup, als man auf den ersten Blick denkt. Zwei Kaffees aus demselben Dorf in Kolumbien, gleich aufbereitet und gleich geröstet, können sich vollkommen unterschiedlich anfühlen, nur weil die eine Pflanze Typica ist und die andere Caturra.
Was eine Varietät überhaupt ist
Ein kleiner Ausflug in die Biologie. Kaffee gehört zur Gattung Coffea. Innerhalb dieser Gattung gibt es zwei kommerziell wichtige Arten: Coffea arabica und Coffea canephora, besser bekannt als Robusta. Specialty Coffee ist so gut wie immer Arabica. Innerhalb der Arabica-Art gibt es wiederum Dutzende von Varietäten. Manche sind über Jahrhunderte natürlich entstanden, manche wurden in Forschungsstationen gezüchtet, manche sind spontane Mutationen einer einzelnen Pflanze auf einem Bauernhof. Jede dieser Varietäten hat ihren eigenen Wuchs, ihren eigenen Ertrag, ihre eigene Krankheitsresistenz und vor allem ihr eigenes Geschmacksprofil.
Typica, die Urmutter
Am Anfang war Typica. Alle heutigen Arabica-Varietäten gehen direkt oder indirekt auf Typica zurück. Die Geschichte beginnt im südwestlichen Äthiopien, wo Arabica ursprünglich wild wuchs. Über den Jemen kam die Pflanze im 17. Jahrhundert nach Indien und Indonesien, wo sie von holländischen Kolonialisten angebaut wurde. Das, was sie dort kultivierten, nennen wir heute Typica. Die Bohne ist länglich, der Ertrag eher niedrig, dafür ist der Geschmack klassisch: klar, ausgewogen, mit schöner Süsse und einem sauberen Nachklang. Viele ältere Plantagen in Lateinamerika sind Typica-Plantagen. Jamaican Blue Mountain ist Typica. Kona auf Hawaii ist Typica.
Bourbon, die Schwester mit mehr Körper
Bourbon ist eine natürliche Mutation von Typica, die auf der Insel Bourbon entstanden ist, die heute La Reunion heisst, ein französisches Überseedepartement im Indischen Ozean. Französische Missionare brachten im 18. Jahrhundert Kaffeepflanzen aus dem Jemen dorthin. Einige Pflanzen mutierten, und die Nachkommen zeigten einen höheren Ertrag und ein runderes, süsseres Geschmacksprofil. Von Reunion aus verbreitete sich Bourbon über Afrika und später Lateinamerika. Heute findest du Bourbon in Ruanda, Burundi, El Salvador und Brasilien. Im Cup bringt Bourbon viel Süsse, Schokolade, rote Früchte und einen runden Körper. Wenn du einen klassisch éléganten Specialty Coffee aus El Salvador trinkst, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Bourbon drin steckt.
Caturra, der Zwerg aus Brasilien
Zwischen 1915 und 1918 entdeckten Farmer in Minas Gerais in Brasilien eine kleinere, kompaktere Pflanze mitten in ihrer Bourbon-Plantage. Eine einzige Genmutation sorgte dafür, dass die Pflanze niedriger wuchs, dichter stand und mehr Ertrag pro Hektar brachte. Caturra war geboren. Der Name kommt aus dem Guarani und bedeutet soviel wie klein. Caturra wurde in Lateinamerika extrem beliebt, weil der niedrigere Wuchs die Ernte erleichtert und mehr Pflanzen auf die gleiche Fläche passen. Geschmacklich bleibt Caturra nah an Bourbon, tendiert aber etwas heller und säurebetonter, mit klaren Zitrusnoten. Kolumbien und Costa Rica sind klassische Caturra-Länder.
Geisha, der Star
Keine Varietät hat die Specialty-Coffee-Welt so verändert wie Geisha, manchmal auch Gesha geschrieben. Die Geschichte ist fast romanhaft. In den 1930er Jahren sammelten Forscher Kaffeesamen in der Gesha-Region im Südwesten Äthiopiens, damals noch Teil der wilden Kaffeewälder. Die Samen wanderten über Forschungsstationen in Tansania und Costa Rica nach Mittelamerika und landeten schliesslich auf vielen Farmen in Panama, wo sie lange Zeit als wenig produktive Kuriosität galten. Zu klein, zu zerbrechlich, zu wenig Ertrag.
Dann kam 2004. Die Familie Peterson von der Hacienda La Esmeralda in Boquete hatte gemerkt, dass ihre Geisha-Pflanzen oben auf dem Berg, über 1600 Meter, ungewöhnlich widerstandsfähig gegen Kaffeerost waren. Sie trennten diese Bohnen bei der Ernte ab und meldeten sie in der Best of Panama Wettbewerb an. Der Kaffee gewann. Und bei der Auktion danach wurde er für 21 Dollar pro Pfund verkauft, ein Weltrekord für grünen Kaffee. Die Juroren hatten so etwas noch nie im Cup gehabt: Jasmin, Bergamotte, Passionsfrucht, ein Kaffee, der mehr an Earl Grey und weisse Blueten erinnerte als an das, was man normalerweise Kaffee nennt.
Zwanzig Jahre später bricht Geisha aus Panama immer noch Auktionsrekorde. Im August 2025 wurde ein Geisha der Hacienda La Esmeralda für über 30'000 Dollar pro Kilogramm verkauft. Geisha ist die Varietät, die bewiesen hat, wie weit der Geschmack von Arabica gehen kann, wenn man ihn ernst nimmt.
Andere Namen, die dir begegnen werden
SL28 und SL34 sind zwei kenianische Varietäten, die in den 1930ern an den Scott Laboratories in Nairobi selektiert wurden. Sie sind der Grund dafür, dass Kenia-Kaffees oft diesen unverwechselbar klaren, johannisbeerartigen Geschmack haben. Pacamara stammt aus El Salvador und ist eine Kreuzung aus Pacas und Maragogype, mit riesigen Bohnen und einem komplexen, oft schokoladig-floralen Profil. Catuai und Mundo Novo sind brasilianische Züchtungen, die heute das Rückgrat der brasilianischen Kaffeeproduktion bilden. Und dann gibt es die vielen äthiopischen Landsorten, die unter dem Sammelbegriff Heirloom laufen, eine wilde Vielfalt, die den komplexen Geschmack äthiopischer Kaffees mitbestimmt.
Warum es für dich Sinn macht
Du musst nicht alle Varietäten auswendig kennen. Aber wenn du das nächste Mal eine Tüte aufmachst und die Varietät auf dem Etikett steht, weisst du, dass das eine Information ist, keine Dekoration. Ein Bourbon aus El Salvador wird anders schmecken als ein Caturra aus Kolumbien, und beide werden völlig anders sein als ein Geisha aus Panama. Diese Vielfalt ist einer der Gründe, warum Specialty Coffee so spannend ist. Jede Varietät ist eine eigene kleine Geschichte.
Bei Röstpost
Auf unserem Marktplatz findest du Specialty Coffees von über 200 Schweizer Röstereien. Viele listen die Varietät ihrer Bohnen direkt auf der Produktseite. Wenn du mal probieren willst, was der Hype um Geisha soll, halte Ausschau nach einem Panama Geisha. Oder starte mit einem klassischen Bourbon aus El Salvador und arbeite dich von dort weiter. Jede Tüte ist eine eigene kleine Reise.



