Nachhaltigkeit
Cascara: der vergessene Tee aus der Kaffeekirsche

Cascara: der vergessene Tee aus der Kaffeekirsche
Die meisten Menschen sehen Kaffeekirschen nie. Sie sehen die Bohne, geröstet, in der Tüte. Was vorher passiert, dass diese Bohne mal in einer roten, fast schon kirschartigen Frucht steckte, das geht im Alltag verloren. Und doch ist die Schale dieser Frucht eines der spannendsten Nebenprodukte im ganzen Kaffeeprozess. Sie heisst Cascara, kommt aus dem Spanischen und bedeutet schlicht Hülle. Aufgegossen wird sie zu einem süssen, fruchtigen Getränk, das fast nichts mit Kaffee zu tun hat.
Was von der Kaffeekirsche eigentlich übrig bleibt
Eine reife Kaffeekirsche ist rund, rot, etwa so gross wie eine Himbeere. Innen sitzen meistens zwei Bohnen, umgeben von einer süsslichen Schicht Fruchtfleisch und einer harten Pergamenthaut. Wenn die Kirsche aufbereitet wird, wandert die Bohne in die nächste Verarbeitungsstufe. Die Schale, das Fruchtfleisch und der Saft bleiben übrig. Ohne Cascara landet das alles auf dem Kompost oder im schlimmsten Fall ungeklärt im nächsten Bach.
Cascara nutzt genau diesen Teil. Die Schalen werden vorsichtig getrocknet, ausgebreitet auf Hochbeeten in der Sonne, ähnlich wie bei einer Natural-Aufbereitung. Das Ergebnis sieht aus wie kleine, dunkelrote Rosinen oder grobe, getrocknete Blätter. Beides funktioniert.
Eine alte Geschichte, neu entdeckt
In Jemen und Äthiopien wird seit Jahrhunderten ein Aufguss aus getrockneter Kaffeekirsche getrunken. Im Jemen heisst er Qishr, in Äthiopien wird die Schale traditionell ähnlich genutzt. Lange bevor jemand auf die Idee kam, die Bohne dunkel zu rösten, hat man dort die Frucht aufgegossen. Die europäische und nordamerikanische Specialty-Szene hat das in den letzten zehn Jahren wiederentdeckt und aus dem Nebenprodukt einen ernstzunehmenden Specialty-Artikel gemacht. In der EU ist Cascara seit 2022 offiziell als Novel Food zugelassen, davor war der Verkauf in einer rechtlichen Grauzone.
Wie Cascara schmeckt
Wer Cascara zum ersten Mal probiert und Kaffee erwartet, wird überrascht. Es schmeckt nicht wie Kaffee. Es schmeckt nach Hagebutte, Hibiskus, getrockneter Kirsche, manchmal nach Pflaume oder Mango, oft mit einer leichten Süsse im Nachgang. Der Körper ist dünner als bei einem schwarzen Tee, der Eindruck eher leicht und durstlöschend. Manche Cascaras gehen Richtung Cranberry und rote Johannisbeere, andere haben fast Tabak- oder Tamarindennoten. Es hängt stark von der Varietät der Pflanze ab und davon, wie die Kirsche getrocknet wurde.
Wie viel Koffein steckt drin
Cascara ist nicht koffeinfrei, aber sie hat deutlich weniger Koffein als ein Espresso. Der Gehalt liegt etwa im Bereich eines schwarzen Tees. Genug, um wach zu werden, zu wenig, um nervös zu machen. Wer am späten Nachmittag noch etwas Warmes will, ohne den Schlaf zu verlieren, ist mit Cascara gut bedient.
Wie du Cascara zubereitest
Heiss aufgegossen. Etwa ein gehäufter Esslöffel Cascara, rund acht Gramm, auf zweihundertvierzig Milliliter heisses Wasser. Wassertemperatur etwas unter dem Siedepunkt, also rund neunzig bis fünfundneunzig Grad. Vier Minuten ziehen lassen, dann abseihen. Wer es kräftiger mag, kann bis zu zehn Minuten ziehen lassen. Länger lohnt sich selten.
Kalt aufgegossen. Etwa dreissig Gramm Cascara auf dreihundertsechzig Milliliter kaltes Wasser, vierundzwanzig Stunden im Kühlschrank ziehen lassen, dann abseihen. Das Ergebnis ist seidig, süsser und wirkt fast wie ein leichter Fruchtsaft. Im Sommer eine kleine Offenbarung.
Mit etwas Spielraum. Cascara verträgt einen Spritzer Limette, einen Hauch Honig oder einen Zweig frische Minze. Nicht nötig, aber wer experimentiert, findet schnell sein Lieblingsgetränk.
Warum es für die Bauern zählt
Auf einer durchschnittlichen Farm machen die Schalen einen erheblichen Teil dessen aus, was nach der Verarbeitung übrig bleibt. Wenn dieser Teil verkauft werden kann, bedeutet das ein zweites Einkommen aus derselben Ernte. Kein zusätzliches Land, kein zusätzliches Wasser, keine zusätzliche Pflege. Nur die Idee, das Produkt nicht zu verschwenden, sondern zu veredeln.
Für viele Bauern, die ohnehin mit schwankenden Kaffeepreisen kämpfen, ist Cascara ein willkommenes Polster. Und für die Konsumentin in Zürich oder Bern eine ehrliche Möglichkeit, mehr Wertschöpfung in der Anbauregion zu lassen, ohne ein anderes Produkt kaufen zu müssen.
Cascara und Specialty Coffee
Mit der EU-Zulassung 2022 und einer wachsenden Zahl an Röstereien, die direkt mit den Farmen zusammenarbeiten, ist Cascara aus der Nische in den Specialty-Mainstream gerückt. Wer Cascara heute als Specialty kauft, bekommt also kein zufälliges Nebenprodukt, sondern einen sorgfältig getrockneten und kuratierten Artikel mit klarer Herkunft.
Auf Röstpost findest du Bohnen aus über zweihundert Schweizer Röstereien. Cascara ist im Sortiment einzelner Partner zu finden, vor allem dort, wo Direktbeziehungen zur Farm stehen. Wenn du das nächste Mal eine Tüte siehst, gönn dir den Versuch. Vielleicht entdeckst du dein neues Lieblingsgetränk an einem Sonntagnachmittag.

