Kaffeekultur
Die äthiopische Kaffeezeremonie: Buna, Jebena und drei Runden Kaffee

Die äthiopische Kaffeezeremonie: drei Runden, eine Stunde, ein Ritual
Kaffee kommt aus Äthiopien. Das ist nicht nur eine Botanik-Fussnote, sondern lebendige Kultur. Während wir in der Schweiz unseren Espresso in zwanzig Sekunden runterstürzen, dauert das Zubereiten und Trinken eines Kaffees in Äthiopien ein bis zwei Stunden. Drei Runden, mehrere Gäste, Räucherwerk und ein traditioneller Tonkrug. Das Ganze heisst auf Amharisch Buna, und es ist eines der ältesten lebendigen Kaffee-Rituale der Welt.
Was Buna heisst
Buna ist auf Amharisch das Wort für Kaffee. Die Zeremonie heisst also wörtlich Kaffeezeremonie. In Äthiopien wird sie täglich abgehalten, oft mehrmals. Sie ist Gastfreundschaft, Familie und Nachbarschaftspflege in einem. Eingeladen wird, wer gerade vorbeikommt. Wer ablehnt, beleidigt eigentlich den Gastgeber. Das gilt am Morgen genauso wie am Nachmittag.
Der Ablauf: von der grünen Bohne zum dritten Schluck
Es beginnt mit dem Auslegen frischer Gräser auf dem Boden, oft Zitronengras oder andere duftende Pflanzen. Daneben steht ein kleines Kohlenfeuer. Auf dem Feuer wird eine flache Eisenpfanne mit grünen Kaffeebohnen erwärmt. Die Bohnen rösten langsam, werden mit der Hand bewegt, bis sie dunkel und ölig glänzen.
Die heisse Pfanne wird einmal um die Gäste herumgetragen, damit jeder den frischen Röstduft in der Nase hat. Danach kommen die Bohnen in einen hölzernen Mörser, den Mukecha, und werden mit einem schweren Stössel zu grobem Pulver zerstossen. Das Geräusch ist Teil der Zeremonie. Es ist Arbeit, und es klingt nach Arbeit.
Das Pulver wandert in einen Tonkrug. Der Krug heisst Jebena: rundlicher Bauch, langer Hals, kleiner Henkel, oft aus dunklem, unglasiertem Ton. Wasser dazu, ab aufs Feuer. Sobald der Kaffee aufkocht, wird er in kleine Tassen ohne Henkel gegossen, die Sini heissen. Aus etwa dreissig Zentimetern Höhe, in einem feinen Strahl, ohne dass der Kaffeesatz in die Tasse fällt.
Drei Runden: Abol, Tona, Bereka
Hier wird die Zeremonie zu mehr als nur einem Kaffee. Es gibt drei Runden, und jede hat einen Namen und eine Bedeutung.
Die erste Runde heisst Abol. Das ist der stärkste, frischeste Aufguss. Er steht für die Begrüssung und den Auftakt. Wer Abol ablehnt, lehnt eigentlich die Zeremonie ab.
Die zweite Runde heisst Tona. Frisches Wasser wird auf den gleichen Kaffeesatz gegossen, der Aufguss wird etwas milder. Tona steht für die Vertiefung des Gesprächs, das Verweilen. Hier wird geredet.
Die dritte Runde heisst Bereka, manchmal Baraka. Das Wort bedeutet Segen. Der Kaffee ist nun deutlich schwächer, fast nur noch Wasser mit einer Erinnerung an Kaffee. Bereka steht für den Segen, den der Gast empfängt und den der Gastgeber mitgibt. Wer geht, geht mit Bereka.
Die drei Namen tauchen übrigens auch in der äthiopischen Legende auf, wie der Kaffee entdeckt wurde. Drei Ziegen, die vom Hirten Kaldi gehütet wurden, sollen nach dem Fressen roter Kirschen so munter geworden sein, dass sie nicht mehr schlafen konnten. Die Namen der Ziegen, so erzählt eine Version, waren Abol, Tona und Bereka.
Was sonst noch dazugehört
Während der Zeremonie wird oft Weihrauch oder Myrrhe verbrannt. Der Geruch ist Teil der Atmosphäre, im religiösen wie im sozialen Sinn. Dazu serviert wird meistens etwas zum Knabbern. Häufig Popcorn, weil es schnell gemacht ist, oder Kolo, eine Mischung aus geröstetem Gerstenkorn, Erdnüssen und Sesam. Manchmal auch Himbasha, ein leicht süsses Fladenbrot. Zucker kommt fast immer in den Kaffee. Salz oder Butter sind selten, kommen aber regional vor.
Traditionell wird die Zeremonie von einer Frau durchgeführt, oft im weissen Kleid mit farbigem Saum. Sie kniet vor dem Feuer, kümmert sich um Pfanne, Mörser und Jebena. Es ist eine Tätigkeit, die in vielen äthiopischen Familien noch heute zum Alltag gehört, nicht nur zu besonderen Anlässen.
Was wir davon lernen können
Wir in der Schweiz trinken Kaffee meistens unterwegs. Pendeln, am Schreibtisch, vor dem Computer. Die äthiopische Zeremonie ist das Gegenteil. Sie verlangt Zeit, Anwesenheit und Geduld. Eine Zeremonie kann nicht delegiert oder beschleunigt werden. Wer einmal eine miterlebt hat, merkt schnell: Es geht weniger um den Kaffee als um die Menschen, die ihn zusammen trinken.
In Specialty Coffee Kreisen wird die Zeremonie zunehmend respektiert als das, was sie ist: die älteste durchgehende Kaffeekultur der Welt. Viele äthiopische Kaffees, die wir heute in der Schweiz trinken, also Yirgacheffe, Sidamo, Harrar oder Guji, kommen aus genau den Regionen, in denen die Zeremonie immer noch täglich stattfindet.
Wo du äthiopischen Kaffee findest
Auf unserem Marktplatz findest du regelmässig Bohnen aus Äthiopien von verschiedenen Schweizer Röstereien. Die meisten sind hell geröstet, weil die Aromen wie Bergamotte, Jasmin, Aprikose oder Pfirsich bei dunkler Röstung verloren gehen. Brüh sie als Filterkaffee, V60 oder Aeropress. Du musst keine Jebena besitzen, um einen Yirgacheffe zu geniessen. Aber wenn du ihn das nächste Mal trinkst, denk an die Pfanne, den Mörser und die drei Tassen. Dann schmeckt jeder Schluck nach etwas mehr als nur Kaffee.



